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Dr. Carl Gassner jr. in Mainz

Er entwickelte die Trockenzellenbatterie bis zur industriellen Fertigungsreife

Die Familie Gassner in Mainz führt ihre genealogischen Wurzeln bis auf Johann Gaßner aus Götzis in Vorarlberg zurück. Dessen Sohn Joseph Gaßner, geb. 1664, ließ sich in Neu-Bamberg bei Bad Kreuznach nieder. Sollte eine verwandtschaftliche Beziehung zu den Nachkommen der Gassner aus den Eisenhütten des Elsaß existieren, dann müsste sie vor dem Jahre 1650 in Vorarlberg gesucht werden.

Am 15, Nov. 2002 textete der WDR auf seiner Webseite für die Sendung "Westzeit": "15. November 1887 - Patent für die erste Trockenbatterie vergeben". Heute wissen schon die Kleinkinder, wie man eine Batterie in den Gameboy oder in die Taschenlampe steckt. Dagegen ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten, dass dieser technische Fortschritt dem heute weitgehend unbekannten, deutschen Wissenschaftler Carl Gassner zu verdanken ist. Gassner entwickelte die Trockenzellenbatterie zur Industriereife. Vor 115 Jahren bekam er dafür ein Patent Autor: Kay Bandermann

Die spartanische Information des WDR zu Carl Gassner konnte Peter Gaßner, ein Nachkomme der Eisenhüttenleute, inzwischen wie folgt ergänzen:

Auszug aus dem Mainzer Adressbuch von 1889



Die Betzelsstr. 20-24 im Herbst 2004


Am 14.02.1942 verfasste Dr. Will Haenlin in einer Mainzer Zeitung den dreispaltigen, umfangreichen Nachruf. Demnach hat Carl Gassner sich nach dem erfolgreichem Studium der Medizin an der Universität Straßburg, in seiner Vaterstadt Mainz zunächst als Spezialist für Augen- und Ohrenleiden niedergelassen.

Nebenbei fand er noch Zeit für chemische und physikalische Versuche, die er meist in der Werkstatt des Mainzer Uhrmachers Balbach durchführte. So kam es, dass der junge Mediziner über den technischen Basteleien seine Praxis völlig vergessend, für dringende ärztliche Visiten erst bei Meister Balbach aufgestöbert werden musste.

Letztlich gelang es Dr. Gassner, ein neues galvanisches Trockenelement, das Zink-Kohleelement zu entwickeln und damit die bis dahin gebräuchlichen nassen Batterien, die Leclanché-Elemente, zu verdrängen. Ein Strom Geldes ergoß sich und ließ den wenig über 30 Jahre alten Erfinder in kurzer Zeit zum mehrfachen Millionär und auf lange Zeit hinaus zu einem der besten Steuerzahler der Stadt Mainz werden.

Dennoch, glücklich scheint der Mensch Carl Gassner dabei nicht geworden zu sein. Misstrauisch verkapselte er sich in ein monotones Einsiedlerdasein, hatte Angst vor Gesellschaften und keinen Sinn für die Freuden menschlicher Geselligkeit. Die Inflation hat den Wohlstand Dr. Gassners nahezu völlig vernichtet.

Abhold jeglichem Gemeinschaftsgedanken hatte er zumal im letzten Jahrzehnt seines Lebens durch seinen extremen Individualismus und seine Eigenbrötelei jeden Anschluß an seine Zeit verloren. In den Augen der Wenigen, die den Erfinder überhaupt noch mehr oder weniger flüchtig kannten, war er ein Original, wenn nicht gar ein skurriler Sonderling geworden, der aufs hartnäckigste allen und jedem gegenüber sein oft nur vermeintliches Recht verfocht. So weit sein Zeitgenosse Dr. Will Haenlin.

Wie konnte es so weit kommen, was waren die "Karriereschritte" auf seinem Weg hin zum Außenseiter? In zwei Artikeln, geschrieben um die Weihnachtszeit 1957 für die Mainzer Allgemeine Zeitung, gibt uns Günter Pfeiffer einige Hinweise. Sie lassen das Profil einer Persönlichkeit entstehen, die - heute nahezu aus der Erinnerung verschwunden - zu den herausragenden Erfindern in Deutschland gezählt werden muß.

Vor 70 Jahren noch (Anmerkung: gemeint ist das Jahr 1887) hatte jede Haustürklingel ihre eigene Stromquelle. Da stand dann meistens ein unförmiges, ziemlich verdrecktes Glasgefäß hoch über dem gewissen Örtchen, und wenn der Hausherr einmal zu später Stunde nach Hause kam und vergeblich aufs Klingelknöpfchen drückte, gab es am nächsten Tag große Umstände. Er musste auf die "Brille" klettern und in das geheimnisvolle Gefäß hineinschauen. Ergebnis: die Flüssigkeit war verdunstet.

Auch Carl Gassner hatte diese Erfahrung hinter sich. So war es kein Wunder, dass der passionierte Bastler auf die Idee kam, die Haustürklingel für immer von ihren Launen zu befreien. Anstelle der bis dahin üblichen Flüssigkeit nahm Gaßner ein poröses Bindemittel, nämlich Gips, und setzte wasseranziehende Chemikalien zu damit die Erregermasse feucht blieb. Nachfüllen gab es von nun an nicht mehr.

Daß er damit der zivilisierten Menschheit ein Göttergeschenk gemacht hatte, fiel ihm im Traum nicht ein. Schon 1885 hatte Gassner die erste Trockenbatterie gebaut. Aber erst fünf Jahre später erfuhr die übrige Welt von dem Fortschritt (Anmerkung: diese Darstellung widerspricht den eingangs genannten Patenterteilungen - die zeitliche Differenz soll hier aber nicht untersucht werden). Bis dahin blieb die Erfindung ein Privileg für den Mainzer Hausgebrauch. Als nämlich der Erfinder eines Tages den Laden seines Freundes betrat, da ging die Klingel nicht. Ganz nebenbei versprach Gassner, den Schaden zu beheben. Die "Trockenbatterie" wurde schnell zum Stadtgespräch. Ein Ladenbesitzer nach dem anderen fragte an, ob Gassner noch eines der Zauberdinger besitze. Dem wurde allmählich de Sache zu bunt und er beschloß, als Abschreckungsmittel eine ganze Goldmark zu nehmen.

Dennoch kam der Arzt mit der Herstellung handgefertigter Trockenelemente kaum nach. Als dann überraschend die Reichspostdirektion in Erfurt anfragte, ob sie 100.000 Batterien haben könne, war der Lokalbann gebrochen. In Frankfurt gründete er die erste Fabrik der Welt für Trockenbatterien. Günter Pfeiffer schreibt, dass das Patent dafür offiziell erst 1906 angemeldet wurde. Auch hier ist noch unklar, worauf genau er diese Aussage bezieht. Später sollte die Firma Carl Girgot in Frankfurt Fabrikation, Vertrieb und Auswertung der Gassner´schen Patente übernehmen.

Die Post verwendete die Erfindung sehr bald auf allen möglichen Gebieten und man sagt, Gassner habe schon nach wenigen Jahren fünf Millionen Mark verdient gehabt. Wohlgemerkt: harte Goldmark!

Hier beginnt die Geschichte des Originals Gassner. "Was soll ich mit all dem Geld?" fragte sich der bescheidene Millionär, der jeden Tag für 80 Pfennige in der "Sonn" speiste, der die Wurst beim "Judenstrauß" kaufte, weil sie dort 5 Pfennige billiger war als beim Nachbar Falk und der den Hinterhausgarten verwildern ließ, um den Gärtner zu sparen.

Mit der Zeit empfand Gaßner die Millionen als üblen Störenfried. Tag für Tag flatterten Briefe aus aller Welt in die Betzelsgasse 16 mit der Anfrage, ob man jene Wunderbatterie haben könne. Lange schon hatte er die Besuche des Briefträgers satt.

Nicht weniger ärgerten ihn die Abrechnungen der Fabrik und die Quittungen über empfangenes Geld.

Kurzentschlossen verzichtete er auf sämtliche Rechte an dem Frankfurter Unternehmen. Die Produktion von Trockenbatterien wurde eingestellt. Nach der Stilllegung des Betriebes hatte Gassner endlich die Ruhe, diversen Liebhabereien nachzugehen. So fortschrittlich er sich hier und bei seinen Experimenten zeigte, so betont rückwärts-gewandt verhielt er sich, wenn ihm die Neuerungen überflüssig erschienen. Deshalb duldete er bis zu seinem Tode weder Telefon noch Schreibmaschine in seinem Haus. Ebenso fehlte es in der Betzelsgasse 16 an elektrischem Licht. Die bewährten Gaslampen mit dem Leuchtstrumpf begleiteten ihn bis zu seinem Lebensabend 1942.

Nach dem ersten Weltkrieg fiel der Mainzer Stadtverwaltung die unangenehme Aufgabe zu, Dr. Gassner aus seinem Haus zu weisen, weil dort die Besatzer einziehen wollten. Am Vorabend des traurigen Ereignisses begann der redlich denkende Mann eine ungewöhnliche Vergeltungsaktion. Carl Gassner hob alle Fenster und Türen aus den Angeln und zersägte sie fein säuberlich in kleine Stücke. Die ganze Nacht ging bei der mühsamen Arbeit drauf, aber der erste Zorn war damit abreagiert.

Später, bei der Rückgabe seines Hauses stellte er erstaunt fest, dass die französischen Besatzer den alten, übel riechenden Abort durch ein modernes Wasserspülklosett ersetzt hatten. In der Regierungserklärung zur Rückgabe der Besatzungshäuser hatte es jedoch geheißen, alles müsse in dem Zustand zurückgegeben werden, wie es vor der Beschlagnahme festgestellt worden sei. Am nächsten Tag gab es einen städtischen Skandal. Dr. Gassner beantragte die Restaurierung des Klosetts.

Er wollte genau dieselben alten Fallrohre haben wie vor dem Auszug. Die aber gab es weit und breit nicht mehr. Man prozessierte bis zur höchsten Instanz - und der buchstabengetreue Staatsbürger Gassner bekam Recht. Die Einzelteile mussten extra angefertigt werden. Kaum aber hatte die Behörde unter vielen Mühen das Appartement stilecht eingerichtet, da ließ der Eulenspiegel das Ganze wieder abreißen und durch ein hochmodernes Spülklosett ersetzen. Das Gelächter der Mainzer traf den Bürokratismus mitten ins Herz.

Seine Neigung, sich wie in einer Burg vor der Welt abzuschließen, wurde ergänzt durch eine merkwürdige Berührungsscheu, die ihm z.B. das Haare Schneiden zur Tortur machte. Ähnlich hatte sich zu gleicher Zeit der französische Maler Paul Cézanne (1839 - 1906) verhalten, den schon die leiseste Berührung von vertrauten Freunden aufbrachte. Auch der Vater (Karl Josef Victor Abel Gassner) war für seine Eigenwilligkeit stadtbekannt. Im Sohn hat sich dessen Erbe bis zu seinem späten Tode erhalten.

Ende Januar 1942 begann für ihn das größte Experiment seines Lebens. Er ging in die Ungewissheit des Todes ein, wobei ihm die schmerzliche Erfahrung erspart blieb, dass sein Haus noch im selben Jahr von Bomben zerstört werden würde. Heute sieht man nur Trümmer von der Stätte, wo vor einem halben Jahrhundert der Erfinder und große Sohn der Stadt Mainz die Welt aufhorchen ließ.


Das Grab von Carl Gassner auf dem Mainzer Hauptfriedhof

Ich danke Herrn Stefan Gassner für die Überlassung der Zeitungsartikel und Herr Werner Emmert für die Zusammenfassung.

Literatur